Auf einen Blick (Key Takeaways)
- Makro-Skala: Management eines 20-köpfigen Dolmetscherteams im Dreischichtbetrieb über 9 Monate hinweg.
- 360°-Logistik: Koordination von Unterkunft, Transport und Sozialräumen für fast 200 Personen an 3 Standorten.
- High-Tech: Dolmetschen von Prozessen für mehrere Motorentypen sowie die innovative Nanoslide®-Technologie.
- Ergebnis: Über 12.000 geleistete Arbeitsstunden konsekutiven Dolmetschens direkt an der Produktionslinie.
- Beyond Translation: Entwicklung der Rolle vom technischen Dolmetscher zum Projektmanager und 'Troubleshooter' für Krisensituationen.
Die Ruhe vor dem Sturm: Rekrutierung und Projektstart
Die Zusammenarbeit mit dem Automobilriesen aus Stuttgart begann unscheinbar. Im Frühjahr 2018 wurde ich zu einer Vorbesprechung nach Legnica eingeladen – dem damaligen Kommandozentrum für das Projekt NeMo (Neue Motorenfabrik).
Die Vorgaben schienen simpel: Ein Dutzend Produktionsmitarbeiter fährt in das deutsche Werk, um die Geheimnisse der Montagelinie zu ergründen. Die Gruppe, bestehend aus Meistern und Vorarbeitern, benötigte für knapp zwei Monate die Unterstützung von zwei Dolmetschern. Es klang nach einem Standardauftrag, reine Routine.
Die Realität bestätigte dieses Szenario zunächst. Der Start war familiär – das gesamte Team passte in drei Vito-Transporter. Wir arbeiteten in einer Schicht, und ich lernte Schulter an Schulter mit den Mitarbeitern von Grund auf den Motoraufbau und die Logik der Montagelinie. Niemand ahnte damals, wie sehr dieses Projekt noch wachsen würde.
Operativer Kontext: Das Herz von Mercedes schlägt in Thüringen
Das Projekt wurde im Werk der MDC Power GmbH in Kölleda realisiert – einer Schlüsselfabrik für Motoren, die zu 100 % zum Daimler-Konzern (heute Mercedes-Benz AG) gehört. Es ist ein gewaltiger Produktionskomplex mit einer Fläche von 287.000 m², wovon allein 162.000 m² auf die Produktionsfläche entfallen.
Das Werk, das knapp 1900 Mitarbeiter beschäftigt, ist auf die Montage von Antriebseinheiten spezialisiert, die in einer breiten Modellpalette zum Einsatz kommen. Sie bilden das Herzstück der A- und B-Klasse, der Limousinen der E- und S-Klasse sowie der SUV-Modelle (GLA, GLC, GLE) und Transporter.
Genau in dieser Kulisse fand die Schulung der Stammmannschaft für das neu eröffnete Werk in Jawor statt. Hier machten wir jeden Tag Tausende von Schritten und pendelten von Station zu Station, um eine reibungslose und fehlerfreie Kommunikation sicherzustellen.
Volle Fahrt voraus: Vom Pilotprojekt zum Großeinsatz
Die erste Phase des Projekts war ein spannendes Aufwärmen. Wir lernten die Produktionslinie bis ins Detail kennen – sowohl die automatisierten als auch die manuellen Stationen – und zerlegten den Motor im Geiste in seine Einzelteile. Diese wenigen Wochen ermöglichten mehr als nur Wissenstransfer: Wir knüpften dauerhafte Beziehungen sowohl zum Team aus Jawor als auch zu den deutschen Gastgebern.
Daher nahmen wir die Nachricht über die Fortsetzung und Erweiterung des Projekts mit Begeisterung auf. Niemand hatte jedoch mit dem Tempo gerechnet, in dem die Eskalation erfolgen sollte.
Der Auftrag wuchs von Monat zu Monat. Kölleda wurde blitzschnell zum zentralen Schulungshub für Hunderte neuer Mitarbeiter aus Polen. Mit ihnen wuchs der Bedarf an sprachlicher Unterstützung. Meine Rolle entwickelte sich weiter – vom Dolmetscher wurde ich zum Koordinator. In der Spitzenzeit leitete ich ein Team von über 20 Dolmetschern, die im Dreischichtsystem rotierten, um die Schulung im 24-Stunden-Modus sicherzustellen.
Trotz neuer Managementaufgaben verließ ich nicht die vorderste Front. Ich blieb weiterhin Hauptdolmetscher – sowohl im Lärm der Produktionshalle als auch außerhalb des Werks. Mit der wachsenden Zahl der Gruppenteilnehmer erweiterten sich meine Pflichten auf das Management von Notfällen. Arztbesuche, zahnärztliche Notfälle oder Beistand bei Krankenhausaufenthalten wurden zum Alltag. Mein Engagement erstreckte sich sogar auf Logistik und... Bauwesen, als es notwendig wurde, den Bau einer Küche und eines Speisesaals in einem der Hotels zu organisieren, in dem die Gäste aus Polen untergebracht waren.
Irgendwann wurde die Last der organisatorischen Aufgaben so groß, dass mein Team für die letzten sechs Wochen des Projekts durch einen zusätzlichen Koordinator verstärkt wurde. Er übernahm das Steuer in logistischen Fragen – von der Verwaltung der Unterkünfte und des Transports bis hin zum Service der Wohnungsausstattung –, was mir ermöglichte, mich aus der aktiven Projektteilnahme zurückzuziehen und meinen verdienten Urlaub anzutreten.
Technologischer Deep Dive: Was steckt unter der Haube?
Das Projekt in Kölleda (MDC Power) war nicht nur das Montieren von Schrauben – hier schlägt das Herz der Mercedes-Innovation. Während des Dolmetschens mussten wir Technologien durchdringen, die die moderne Automobilindustrie definieren:
- NANOSLIDE® – Leichtbau-Technologie: Statt traditioneller, schwerer Graugussbuchsen kommt im Schwesterwerk in Arnstadt das futuristische Lichtbogendrahtspritzen (LDS) zum Einsatz. Eine Eisen-Kohlenstoff-Legierung wird mittels Lichtbogen geschmolzen und auf die Zylinderwände gesprüht, wodurch eine ultradünne, nanoporöse Schicht entsteht. Der Effekt? Reibungsreduzierung um 50 % und Gewichtseinsparung beim Motor um bis zu 4,3 kg.
- Die AMG-Legende (Motor M133): Eine wahre Schule der Präzision. Das Projekt umfasste eine Linie, die speziell für das Aggregat der Mercedes-AMG Modelle (z. B. A 45) dediziert war. Damals war dies der stärkste in Serie gefertigte Vierzylindermotor der Welt. Er verlangte von den Mitarbeitern – und dem Dolmetscher – das Verständnis für extrem hohe Qualitätsstandards, bei denen es keinen Spielraum für Fehler gibt.
- Sieben Herzen in einer Brust: Eine logistische Herausforderung war die parallele Durchführung von Schulungen für gleich 7 verschiedene Motorbaureihen. Wir mussten fließend zwischen der Terminologie für Dieselmotoren (von den populären OM651/OM654 bis zum mächtigen Sechszylinder OM656) und den Spezifika der Benzinaggregate (M270, M282) umschalten.
Projektbilanz: 12.000 Stunden und... ein Getriebeschaden
Wenn ich auf dieses Projekt zurückblicke, beeindrucken mich die Zahlen immer noch. In der Spitzenzeit umfasste die Operation die Logistik für fast 200 Personen, die auf drei Standorte im Umkreis von 30 km um Kölleda verteilt waren.
Gemeinsam mit dem Team von 20 Dolmetschern im Dreischichtbetrieb leisteten wir über 12.000 Arbeitsstunden konsekutiven Dolmetschens. Wir schulten Hunderte von Produktionsmitarbeitern und vermittelten ihnen das Wissen, das für den Anlauf der Fabrik in Jawor unerlässlich war.
Für mich persönlich war es die größte Lektion in Demut und Krisenmanagement meiner Karriere. Ich ging daraus mit einem Wissen über den Motoraufbau auf "Pro-Level" hervor, aber auch mit persönlichen Kosten – das intensive Pendeln zwischen Zuhause und Arbeit gab dem Getriebe meines Firmenwagens schließlich den Rest. Aber das war es wert.
Der Erfolg dieses Unterfangens wäre nicht möglich gewesen ohne die fantastischen Menschen, mit denen ich die Ehre hatte, an der Linie zu arbeiten. Ein großes Dankeschön an das gesamte "Dream Team":
Anna, Bożena, Violetta, Sandra, Marta, Barbara, Julianna, Marcin, Krzychu, Jakub, Atanazy, Piotr, Darek, Michał, Maciej, Seweryn, Kajetan, Aleksander, Krzysztof, Michu.
Das war Euer Verdienst!




